[fundstück] Die Verteidigung des Unsinns

[vorbemerkung]
Heute darf ich vorstellen: Die Verteidigung des Schundromans von G. K. Chesterton. Nach der anonymen Übersetzung von 1917 (Verlag der weißen Bücher, Leipzig), von mir neu durchgesehen, um ein paar unwesentliche Passagen erleichtert und mit einer Collage (Poe Loves Lovecraft) angereichert.
 

G. K. Chesterton: Verteidigung des Schundromans

Bis zu welchem Grade wir das alltägliche Leben unterschätzen, zeigt sich am auffallendsten an der populären Literatur, deren große Masse wir immer als vulgär beschreiben. Des Knaben Geschichtenbuch mag ja literarischen Ansprüchen nicht gerecht werden, aber das heißt so viel wie vom modernen Roman sagen, dass der von der Chemie, der Ökonomie, der Astronomie nichts verstünde; dennoch ist es nicht vulgär an sich – vielmehr bildet es den tatsächlichen Mittelpunkt zahlloser feuriger Imaginationen.
In früheren Zeiten hatte die gebildete Schicht keine Kenntnis von der populären Literatur. Dadurch kam es auch zu keiner eigentlichen Geringschätzung. Wovon ich nichts weiß und was mich gänzlich gleichgültig lässt, gibt mir zur Selbstüberhebung keinerlei Anlass. Deshalb zieht noch keiner hochmütig die Straße hinab und dreht sich selbstgefällig den Schnurrbart in die Höhe, weil er sich seine Überlegenheit über irgendeine Gattung von Tiefseefischen zu Gemüte führt.
Heutzutage hat sich dieser Grundsatz verschoben. Wir verachten zwar die vulgäre Literatur nach wie vor, aber wir ignorieren sie nicht. Wir laufen Gefahr, trivial zu werden, so sehr befassen wir uns mit dem Studium der Trivialitäten; es lauert im Hintergrund das furchtbare Gesetz der Circe, dass die Seele, welche allzu sehr sich herablässt, um etwas zu erforschen, sich nicht mehr emporrichten kann. Keine Gattung populärer Schriften wird meines Erachtens zum Gegenstand so lächerlicher Übertreibungen und Missverständnisse gemacht wie die landläufige Knabenliteratur niedrigster Sorte. Diese Gattung hat vermutlich jederzeit existiert und musste existieren. Das einfache Bedürfnis nach einer idealen Welt irgendwelcher Art, in der erdichtete Personen ungehindert sich entfalten können, ist viel tiefer eingewurzelt und viel älter als die Gesetze der hohen Kunst und ist auch viel wichtiger. Ein jeder von uns hat in seiner Kindheit solch unsichtbare dramatis personæ ins Leben gerufen, aber nie ist es unseren Kindermädchen dabei eingefallen, diese Kompositionen aufgrund eines sorgfältigen Vergleiches mit Balzacs Schriften nachzukorrigieren. Im Orient wandert der berufsmäßige Geschichtenerzähler mit einem kleinen Teppich von Dorf zu Dorf; und ich hätte den aufrichtigen Wunsch, dass einer hierzulande den moralischen Mut besäße, diesen Teppich auf dem Ludgate Circus auszubreiten und Platz darauf zu nehmen. Aber die Geschichten jenes Teppichträgers werden schwerlich alle von höchster künstlerischer Vollendung sein. Literatur und Geschichten sind zwei grundverschiedene Dinge. Die Literatur ist ein Luxus; die Geschichten sind eine Notwendigkeit. Ein Kunstwerk kann also nicht kurz genug sein, denn in seiner Klimax beruht sein Wert. Eine Geschichte kann nie zu lange sich hinausspinnen, denn wie das Haushaltsgeld sieht man sie nur mit Bedauern ans Ende gelangen, und während der Künstler immer größere Kürze und Eindrücklichkeit anstrebt, ist größte Weitschweifigkeit ein Merkmal alles echt romantischen Plunders. Der Lobgesänge auf Robin Hood ist darum nie genug.
Aber statt bei der Erörterung des Problems von der offenkundigen Tatsache auszugehen, dass die Knaben aus dem Volke von jeher ungefüge und endlose romantische Lektüre pflegten, und dann für deren Sanierung Sorge zu tragen, setzen wir gewöhnlich damit ein, dass wir in Bausch und Bogen alle derartige Literatur verdammen und uns höchlichst verwundert und entrüstet zeigen, weil die jungen Laufburschen, die hier in Frage kommen, nicht die „Wahlverwandtschaften“ oder den „Baumeister Solneß“ lesen. Besonders sind es Gerichtspersonen, welche die meisten Verbrechen der Großstadt der Schundliteratur zur Last legen möchten. Wenn ein Betteljunge einen Apfel stiehlt, wird darauf hingewiesen, dass er die Kenntnis von der Schmackhaftigkeit des Apfels allerlei ungesunden Büchern entnahm.
Nun bezieht sich aber jene von Gerichtspersonen gerne vorgebrachte Beschuldigung keineswegs auf den literarischen Unwert besagter Bücher. Schlecht geschriebene Bücher zu veröffentlichen ist kein Verbrechen. Da kämen einige Schmierfinken ins Gefängnis. Man geht hier vielmehr von der Theorie aus, dass die Masse der Knabenbücher niedrig und verbrecherisch ist und den Instinkten niederer Habgier und Grausamkeit schmeichelt. Dies ist die Theorie des hochlöblichen Gerichts und sie ist barer Unsinn.

CollagePoeLovesLovecraft
Unter diesen Erzählungen gibt es eine Unzahl, die sich mit den Abenteuern der Räuber, Gesetzlosen und Piraten befassen und Diebe und Mörder in ein ehrfürchtiges, romantisches Licht rücken. Aber was tun die Romane von Walter Scott oder Stevenson anderes oder Byrons Korsar oder eine Schar anderer Bücher, die unentwegt als Tombolagewinne oder Weihnachtsgeschenke zur Austeilung gelangen? Niemand wird sich einfallen lassen zu glauben, dass die Bewunderung von Locksley aus „Ivanhoe“ einen Knaben dazu bringt, loszuziehen und mit Pfeil und Bogen dem Wild im Richmond Park nachzustellen. Wenn es um unsere eigene Schicht geht, geben wir gerne zu, dass romantische Schicksale mit Vergnügen von der Jugend vernommen werden, nicht weil sie ihrem eigenen Leben ähnlich, sondern weil sie verschieden davon sind. So könnte uns doch wenigstens der Gedanke kommen, dass, welches immer die Gründe seien, die den kleinen Laufburschen zur Lektüre des „Roten Rächers“ und derartiger Bücher bewegen, es doch gewiss nicht diese sind, dass er selbst von dem Blute seiner Freunde und Verwandten trieft.
In diesen wie in allen ähnlichen Dingen entfernen wir uns gänzlich von dem richtigen Standpunkt, indem wir von den „niederen Schichten“ sprechen und dabei die Menschheit mit Ausnahme von uns selbst meinen. Diese triviale romantische Literatur ist nicht ausschließlich plebejisch: sie ist einfach menschlich. Wir haben den ganzen Plunder dieser Sorte von Büchern als eine krankhafte Ungeheuerlichkeit hingestellt, während sie nichts anderes ist als törichtes, gesundes Menschentum. Diesen populären Schriften haftet nichts wesentlich Böses an. Sie bringen die sanguinischen und heroischen Gemeinplätze zum Ausdruck, auf welchen die Zivilisation gegründet ist; denn so viel ist klar, dass die Zivilisation auf Gemeinplätzen gegründet ist oder überhaupt der Grundlage entbehrt. Welche Sicherheit könnte eine Gesellschaft haben, die die Behauptung des Obersten Richters, Mord sei ein Unrecht, als originelles und glänzendes Epigramm auffasste?
Wenn die Herausgeber und Verfasser der Schundromane plötzlich die gebildete Schicht unter Kuratel stellen, unsere Romane konfiszieren und uns ermahnen wollten, ein besseres Leben zu führen, so würden wir dies sehr schief aufnehmen. Dennoch hätten sie dazu viel größeres Recht als wir; denn bei aller Dummheit sind sie normal, wir aber abnorm; und die moderne Literatur der Gebildeten, nicht der Ungebildeten ist es, die offenkundig und aggressiv eine verbrecherische ist. Bücher, die den Pessimismus und die Sittenlosigkeit befürworten und vor welchen der hochherzige Laufjunge zurückschaudern würde, liegen in allen Empfangszimmern aus. Und mit einer Heuchelei und einem Aberwitz sondergleichen verweisen wir den Gassenbuben ihre Unmoral, während wir die Frage aufwerfen, ob es überhaupt eine Moral gibt. Und wir beschuldigen (ganz ungerechtfertigterweise) diese Bücher der Unsittlichkeit und Obszönität, während wir mit philosophischen Systemen uns vertraut machen, die alle Ausschweifungen geradezu glorifizieren; und wir legen ihnen die vielen Selbstmordfälle junger Leute zur Last, während wir ruhig die Frage erörtern, ob denn das Leben wert sei, dass man es erhalte.
Ja, wir sind die morbiden Ausnahmen; wir sind es, welche die Schicht der Verbrecher genannt zu werden verdient. Dies sollte uns zum Trost gereichen. Die große Masse der Menschheit ist es, die mitsamt ihrer Masse unnützer Bücher und Worte es nie in Zweifel zog und nie in Zweifel ziehen wird, dass der Mut etwas Herrliches, die Treue etwas Edles sei, dass man bedrängten Frauen beistehen und überwundene Feinde verschonen solle. Es gibt aber auch eine große Anzahl gebildeter Leute, die so alltägliche Grundsätze anzweifeln, wie es eine Anzahl Menschen gibt, die sich für den König von England halten; und ich höre, dass beide Arten von Leuten sehr unterhaltende Reden vorbringen können. Die Norm aber schöpft täglich aus ihren gewohnten überschwänglichen Schundromanen eine bessere und gesündere Moral, als sie in den glänzenden ethischen Paradoxen zu finden ist, die bei der vornehmen Welt so rasch wie ihre Moden wechseln. Solange die grobe und seichte Schicht der gewöhnlichen populären Romantik von einer armseligen Kultur unberührt bleibt, wird sie nie wirklich unmoralisch sein. Sie steht immer auf der Seite des Lebens. Die Armen, die in Wahrheit von der Last des Lebens gebeugten, sind oft kopflos, wild und grausam gewesen, aber niemals hoffnungslos. Letzteres war stets ein Vorrecht der Gebildeten, wie gute Zigarren. Die populäre Literatur mit ihrem „Donner und Blut“ wird stets einfach sein wie der Donner unter dem Himmel und das Blut des Menschen.

[fundstück] Die Welt in 100 Jahren (vor 100 Jahren)

[vorbemerkung]
Folgenden Text entnehme ich der visionären Essaysammlung „Die Welt in 100 Jahren“, die Arthur Bremer 1910 herausgab. Mit jedem der darin enthaltenen Beiträge imaginiert ein Zeitgenosse einen Aspekt des Lebens, wie es nach seinen Überlegungen im Jahr 2010 geführt werden müsste. An der Prognose eines futuristischen Literaturbetriebs versucht sich der österreichische Schriftsteller und Kritiker Hermann Bahr. Seinem hier in leicht gekürzter Form vorliegenden Text gebe ich fünf Illustrationen von Ernst Lübbert bei, welche die Zukunftsfantasien anderer Beiträger des Bandes verbildlichen. Augenfällig, dass alle Visionen Realität wurden.

 
Hermann Bahr: Die Literatur in 100 Jahren

Man muss kein Prophet sein, um sagen zu können, dass das, was heute Literatur genannt wird, in hundert Jahren unnötig geworden und nur noch als Erinnerung, mit dankbarem Erstaunen gehegt, vorhanden sein wird.
Das Kennzeichen der Literatur in hundert Jahren wird es sein, dass es keine Literaten mehr geben wird, nämlich keinen besonderen Stand, der das Privileg hat, für die anderen das Wort zu besorgen, wie der Bäcker das Brot und der Metzger das Fleisch. Wie Wagner an eine Zeit geglaubt hat, in der jeder sein eigener Künstler sein wird, so wird jeder dann sein eigener Dichter sein und keinen Dolmetsch seines Herzens mehr brauchen.Arktiskino
Alle Kunst ist ursprünglich zunächst immer nur ein Versuch des Menschen, seine großen inneren Momente bei sich aufzubewahren und irgendwie den schönen Augenblick so zu verewigen, dass er ihn, sooft er will, wieder herbeirufen kann. Kunst ist zunächst nichts als ein Mittel zur eigenen Erinnerung. Lust von ungemeiner Art oder auch ein besonderes Leid, das ja dem Menschen ebenso, wenn es über das gewöhnliche Maß geht, zur unentbehrlichen Erregung werden kann, soll, um ihm immer bei der Hand zu sein, in ein Zeichen eingefangen, in ein Gefäß verschlossen werden. Die Kunst dient zunächst dem einzelnen Menschen dazu, sein ganzes Leben, soweit es bisher abgelaufen ist, jederzeit wieder um sich versammeln und sich so jederzeit mit seinen sämtlichen Zuständen umgeben zu können.
Als nun aber später alle zur Erhaltung des menschlichen Lebens notwendigen Verrichtungen, die bisher jeder selbst für sich besorgt hatte, den Einzelnen abgenommen und der Reihe nach an besondere Gewerbe verteilt wurden, als, bei der Auflösung der primitiven Wirtschaft, die alles im eigenen Hause bestellt hatte, einer für alle das Backen, ein anderer das Schneidern, der Dritte das Schlachten übernahm, geschah es, dass auch eine so höchst persönliche Verrichtung wie die Kunst als die Aufbewahrung des eigenen Lebens in Zeichen, aus denen es jederzeit wieder herbeigeholt werden kann, nun einer besonderen Innung zugewiesen wurde. Ein eigenes Geschäft entstand, das es übernahm, gegen Bezahlung jedem Einzelnen nach Wunsch den Ausdruck seines Lebens oder doch der ihm wichtigen Empfindungen anzufertigen. Die Literatur entstand.
Es ist ein Wunder, das der natürliche Menschenverstand, wenn er sichʼs recht überlegt, eigentlich gar niemals begreifen kann. Man versuche nur sich einmal klarzumachen, worauf die jetzige Literatur beruht. Eine Reihe von Menschen lebt davon, dass ihre Gedichte gekauft werden. Ein Gedicht ist der Zustand irgendeines Menschen, in Worte verschlossen.Radiuminhalator
Es ist nun durchaus nicht einzusehen, warum ein anderer Mensch es sich etwas kosten lassen soll, diesen ihm fremden und gleichgültigen Zustand kennenzulernen. Der Zauber eines Gedichts besteht eigentlich nur in seiner Macht, ein entschwundenes Stück Leben dem, der es erlebt hat, jederzeit in Erinnerung zu bringen, Entschwundenes zurückzuholen. Welches Interesse es aber für irgendeinen Menschen haben könnte, an etwas erinnert zu werden, woran er gar nicht erinnert werden kann, weil ihm doch jede Vorbedingung des Erinnerns fehlt, denn der Inhalt des Gedichts ist ja nur von seinem Dichter, keineswegs aber vom Käufer des Gedichts erlebt worden, dies lässt sich durchaus nicht ersinnen. Und es ist auch nur durch eine gelinde Täuschung irgendwelcher Art möglich; der Käufer kann auf seine Kosten nur kommen, wenn das Gefühl, das der Dichter ins Gedicht gefasst hat, seinem eigenen zum Verwechseln ähnlichsieht. Die Täuschung, diese Verwechslung, auf der der heutige literarische Betrieb beruht, kann also nur geschehen, wenn entweder der Inhalt des Gedichts, das Erlebnis des Dichters ganz persönlich ist oder das Persönliche, das es etwa hat, durch die Form abgeschwächt und aufgelöst wird, oder aber hinwieder das Erlebnis des Käufers, an das ihn das Gedicht erinnern soll, sei es von Anfang an ganz undeutlich gewesen, sei es schon verblasst, ist so, dass er sich jedes andere dafür einreden lässt. Je stärker ein Dichter erlebt, je reiner er sein Erlebnis ausdrückt, desto weniger wird dieser Ausdruck fähig sein, mit dem Ausdruck anderer Erlebnisse verwechselt zu werden und den Zweck des literarischen Handels zu erfüllen, dass er nämlich im Käufer ein Erlebnis des Käufers ausdrücken soll. Und je stärker der Käufer erlebt, desto geringer wird seine Neigung sein, sich an dem Ausdruck, der ihn nur ungefähr von Weitem daran erinnert, genügen zu lassen. Alle Persönlichkeit des Erlebens, beim Dichter wie beim Käufer, möglichst auszuräuchern, bis am Ende nur ein allgemeiner Dunst davon übrigbleibt, worin jede Farbe verschwimmt, muss also die größte Sorge der literarischen Betriebs sein und es lässt sich nicht leugnen, dass dies heute mit einer ganz wunderbaren Hingebung geschieht.
Das wird nun so bleiben müssen, solange die Welt ein Warenhaus und der Mensch ein Händler bleibt. Es sind Anzeichen da, die jedoch vermuten lassen, dass in hundert Jahren die menschliche Wirtschaft anders geworden sein werde. So hätte auch dieser literarische Betrieb keinen Sinn mehr; und es könnte dann keine Literaten mehr geben, keine Menschen mehr, die davon leben, dass sie ihr eigenes Leben verunstalten, um seinen Ausdruck für den Ausdruck fremden Erlebens ausgeben und dafür Geld einnehmen zu können.Wolkenhaus
Die Literatur in hundert Jahren wird sich dann von der heutigen vor allem durch das Motiv unterscheiden. Das Motiv des heutigen Literaten, eingestanden oder nicht, ist der Lohn. Er dichtet, um die Miete, den Haushalt und das Zubehör bezahlen zu können. Er ist darum verhalten, kaufkräftig zu dichten. Er muss das dichten, was verlangt wird; und verlangt wird, was sich jedem anpasst, was von jedem getragen werden kann, was sich nach jedem Geschmack dehnen lässt; und allenfalls auch, schlägt die Mode um, leicht wieder umfalten und auffärben.
Dieses Motiv fällt dann weg. Es muss dann niemand mehr dichten, bloß um nicht zu verhungern, weil jedem ein anständiger Erwerb zugesichert sein wird, und das Dichten trägt dann nicht mehr dazu bei, das Einkommen zu vermehren. Ist dann also das bewegende Grundmotiv der heutigen Literatur ausgeschaltet, so wird es zunächst fraglich, ob nicht alle Literatur überhaupt stillstehen und vielleicht für einige hundert Jahre sistiert sein wird, solange nämlich, bis es etwa geschehen mag, dass einer einmal aus einem ganz anderen, heute durchaus unbekannten Motiv das Wort nimmt, also z.B. vielleicht, weil er etwas zu sagen hat, oder auch einfach deshalb, weil er, geheimnisvoll getrieben, eben muss. Dies alles kommt uns heute freilich höchst fantastisch vor, aber seit wir es erlebt haben, dass der Mensch das Fliegen erlernt hat, sind wir geneigt, allen Ausschweifungen der Fantasie zu trauen.
MondballonAllerdings würde das Dichten dann aus seiner öffentlichen Bedeutung verdrängt. Das Dichten hätte keinen Zweck mehr, sondern nur noch einen Grund, nämlich im eigenen Trieb; es wäre nur noch ein Dichten vor sich hin und für sich hin, nicht mehr auf die anderen los. Seinen heutigen Sinn hätte es allerdings damit ganz verloren, aber es ließen sich immerhin Menschen denken, denen auch ein solches sinnloses und zweckloses Dichten, ein Dichten an und für sich, Freude machen könnte, sowenig wir jetzt eigentlich in der Lage sind, uns einen solchen Menschenschlag recht vorzustellen. Jedenfalls würde das dann auch nur ganz im Geheimen geschehen, als eine vollkommen intime Verrichtung, als ein geistiges Müllern sozusagen, wodurch es denn, ohne sich freilich mit der großen öffentlichen Bedeutung unserer heutigen Literatur, die ja ihren Platz unter den wichtigsten Industrien hat, irgendwie messen zu dürfen, immerhin noch einen gewissen hygienischen Wert ansprechen könnte.
Zu bemerken ist noch, dass ebenfalls der Übergang zu dieser neuen Zeit, in der jeder sein eigener Dichter sein wird, sehr große Schwierigkeiten haben muss. Denn es wird vor allem dann die Frage zu lösen sein, was mit den außer Betrieb gesetzten Dichtern geschehen soll, und es ist zu befürchten, dass für sie durchaus nicht so leicht eine auch nur halbwegs passende Verwendung zu finden sein wird. Seien wir froh, dass uns diese Sorgen unserer Enkel erspart bleiben!Marstelefon

 
Ein Reprint der Sammlung ist im Georg Olms Verlag erschienen: Die Welt in 100 Jahren