[prosa] kafka/nachgeschriebenes II

– sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen. Ich aber packte den Schutzmann am Rockschoß und hielt ihn fest, bis er damit herauskam, dass auch er schlicht nicht wisse, wo sich in dieser Stadt der Bahnhof befinde. Bei einem Kaffee, zu dem ich ihn einlud, gestand er mir, völlig überfordert mit den ihm übertragenen Aufgaben zu sein. Das Aufpassen, das Abpassen der Diebe, der Hehler, der Bußgeldpreller. Das Schützen der zivilen Ordnung. Viel lieber ginge er seiner heimlichen Leidenschaft nach: der Schriftstellerei. Und praktizierte ein beschriebenes Papier zwischen uns auf die Tischplatte, dessen Text sich las wie folgt: Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof –

[fundstück] Die Verteidigung des Unsinns

[vorbemerkung]
Heute darf ich vorstellen: Die Verteidigung des Schundromans von G. K. Chesterton. Nach der anonymen Übersetzung von 1917 (Verlag der weißen Bücher, Leipzig), von mir neu durchgesehen, um ein paar unwesentliche Passagen erleichtert und mit einer Collage (Poe Loves Lovecraft) angereichert.
 

G. K. Chesterton: Verteidigung des Schundromans

Bis zu welchem Grade wir das alltägliche Leben unterschätzen, zeigt sich am auffallendsten an der populären Literatur, deren große Masse wir immer als vulgär beschreiben. Des Knaben Geschichtenbuch mag ja literarischen Ansprüchen nicht gerecht werden, aber das heißt so viel wie vom modernen Roman sagen, dass der von der Chemie, der Ökonomie, der Astronomie nichts verstünde; dennoch ist es nicht vulgär an sich – vielmehr bildet es den tatsächlichen Mittelpunkt zahlloser feuriger Imaginationen.
In früheren Zeiten hatte die gebildete Schicht keine Kenntnis von der populären Literatur. Dadurch kam es auch zu keiner eigentlichen Geringschätzung. Wovon ich nichts weiß und was mich gänzlich gleichgültig lässt, gibt mir zur Selbstüberhebung keinerlei Anlass. Deshalb zieht noch keiner hochmütig die Straße hinab und dreht sich selbstgefällig den Schnurrbart in die Höhe, weil er sich seine Überlegenheit über irgendeine Gattung von Tiefseefischen zu Gemüte führt.
Heutzutage hat sich dieser Grundsatz verschoben. Wir verachten zwar die vulgäre Literatur nach wie vor, aber wir ignorieren sie nicht. Wir laufen Gefahr, trivial zu werden, so sehr befassen wir uns mit dem Studium der Trivialitäten; es lauert im Hintergrund das furchtbare Gesetz der Circe, dass die Seele, welche allzu sehr sich herablässt, um etwas zu erforschen, sich nicht mehr emporrichten kann. Keine Gattung populärer Schriften wird meines Erachtens zum Gegenstand so lächerlicher Übertreibungen und Missverständnisse gemacht wie die landläufige Knabenliteratur niedrigster Sorte. Diese Gattung hat vermutlich jederzeit existiert und musste existieren. Das einfache Bedürfnis nach einer idealen Welt irgendwelcher Art, in der erdichtete Personen ungehindert sich entfalten können, ist viel tiefer eingewurzelt und viel älter als die Gesetze der hohen Kunst und ist auch viel wichtiger. Ein jeder von uns hat in seiner Kindheit solch unsichtbare dramatis personæ ins Leben gerufen, aber nie ist es unseren Kindermädchen dabei eingefallen, diese Kompositionen aufgrund eines sorgfältigen Vergleiches mit Balzacs Schriften nachzukorrigieren. Im Orient wandert der berufsmäßige Geschichtenerzähler mit einem kleinen Teppich von Dorf zu Dorf; und ich hätte den aufrichtigen Wunsch, dass einer hierzulande den moralischen Mut besäße, diesen Teppich auf dem Ludgate Circus auszubreiten und Platz darauf zu nehmen. Aber die Geschichten jenes Teppichträgers werden schwerlich alle von höchster künstlerischer Vollendung sein. Literatur und Geschichten sind zwei grundverschiedene Dinge. Die Literatur ist ein Luxus; die Geschichten sind eine Notwendigkeit. Ein Kunstwerk kann also nicht kurz genug sein, denn in seiner Klimax beruht sein Wert. Eine Geschichte kann nie zu lange sich hinausspinnen, denn wie das Haushaltsgeld sieht man sie nur mit Bedauern ans Ende gelangen, und während der Künstler immer größere Kürze und Eindrücklichkeit anstrebt, ist größte Weitschweifigkeit ein Merkmal alles echt romantischen Plunders. Der Lobgesänge auf Robin Hood ist darum nie genug.
Aber statt bei der Erörterung des Problems von der offenkundigen Tatsache auszugehen, dass die Knaben aus dem Volke von jeher ungefüge und endlose romantische Lektüre pflegten, und dann für deren Sanierung Sorge zu tragen, setzen wir gewöhnlich damit ein, dass wir in Bausch und Bogen alle derartige Literatur verdammen und uns höchlichst verwundert und entrüstet zeigen, weil die jungen Laufburschen, die hier in Frage kommen, nicht die „Wahlverwandtschaften“ oder den „Baumeister Solneß“ lesen. Besonders sind es Gerichtspersonen, welche die meisten Verbrechen der Großstadt der Schundliteratur zur Last legen möchten. Wenn ein Betteljunge einen Apfel stiehlt, wird darauf hingewiesen, dass er die Kenntnis von der Schmackhaftigkeit des Apfels allerlei ungesunden Büchern entnahm.
Nun bezieht sich aber jene von Gerichtspersonen gerne vorgebrachte Beschuldigung keineswegs auf den literarischen Unwert besagter Bücher. Schlecht geschriebene Bücher zu veröffentlichen ist kein Verbrechen. Da kämen einige Schmierfinken ins Gefängnis. Man geht hier vielmehr von der Theorie aus, dass die Masse der Knabenbücher niedrig und verbrecherisch ist und den Instinkten niederer Habgier und Grausamkeit schmeichelt. Dies ist die Theorie des hochlöblichen Gerichts und sie ist barer Unsinn.

CollagePoeLovesLovecraft
Unter diesen Erzählungen gibt es eine Unzahl, die sich mit den Abenteuern der Räuber, Gesetzlosen und Piraten befassen und Diebe und Mörder in ein ehrfürchtiges, romantisches Licht rücken. Aber was tun die Romane von Walter Scott oder Stevenson anderes oder Byrons Korsar oder eine Schar anderer Bücher, die unentwegt als Tombolagewinne oder Weihnachtsgeschenke zur Austeilung gelangen? Niemand wird sich einfallen lassen zu glauben, dass die Bewunderung von Locksley aus „Ivanhoe“ einen Knaben dazu bringt, loszuziehen und mit Pfeil und Bogen dem Wild im Richmond Park nachzustellen. Wenn es um unsere eigene Schicht geht, geben wir gerne zu, dass romantische Schicksale mit Vergnügen von der Jugend vernommen werden, nicht weil sie ihrem eigenen Leben ähnlich, sondern weil sie verschieden davon sind. So könnte uns doch wenigstens der Gedanke kommen, dass, welches immer die Gründe seien, die den kleinen Laufburschen zur Lektüre des „Roten Rächers“ und derartiger Bücher bewegen, es doch gewiss nicht diese sind, dass er selbst von dem Blute seiner Freunde und Verwandten trieft.
In diesen wie in allen ähnlichen Dingen entfernen wir uns gänzlich von dem richtigen Standpunkt, indem wir von den „niederen Schichten“ sprechen und dabei die Menschheit mit Ausnahme von uns selbst meinen. Diese triviale romantische Literatur ist nicht ausschließlich plebejisch: sie ist einfach menschlich. Wir haben den ganzen Plunder dieser Sorte von Büchern als eine krankhafte Ungeheuerlichkeit hingestellt, während sie nichts anderes ist als törichtes, gesundes Menschentum. Diesen populären Schriften haftet nichts wesentlich Böses an. Sie bringen die sanguinischen und heroischen Gemeinplätze zum Ausdruck, auf welchen die Zivilisation gegründet ist; denn so viel ist klar, dass die Zivilisation auf Gemeinplätzen gegründet ist oder überhaupt der Grundlage entbehrt. Welche Sicherheit könnte eine Gesellschaft haben, die die Behauptung des Obersten Richters, Mord sei ein Unrecht, als originelles und glänzendes Epigramm auffasste?
Wenn die Herausgeber und Verfasser der Schundromane plötzlich die gebildete Schicht unter Kuratel stellen, unsere Romane konfiszieren und uns ermahnen wollten, ein besseres Leben zu führen, so würden wir dies sehr schief aufnehmen. Dennoch hätten sie dazu viel größeres Recht als wir; denn bei aller Dummheit sind sie normal, wir aber abnorm; und die moderne Literatur der Gebildeten, nicht der Ungebildeten ist es, die offenkundig und aggressiv eine verbrecherische ist. Bücher, die den Pessimismus und die Sittenlosigkeit befürworten und vor welchen der hochherzige Laufjunge zurückschaudern würde, liegen in allen Empfangszimmern aus. Und mit einer Heuchelei und einem Aberwitz sondergleichen verweisen wir den Gassenbuben ihre Unmoral, während wir die Frage aufwerfen, ob es überhaupt eine Moral gibt. Und wir beschuldigen (ganz ungerechtfertigterweise) diese Bücher der Unsittlichkeit und Obszönität, während wir mit philosophischen Systemen uns vertraut machen, die alle Ausschweifungen geradezu glorifizieren; und wir legen ihnen die vielen Selbstmordfälle junger Leute zur Last, während wir ruhig die Frage erörtern, ob denn das Leben wert sei, dass man es erhalte.
Ja, wir sind die morbiden Ausnahmen; wir sind es, welche die Schicht der Verbrecher genannt zu werden verdient. Dies sollte uns zum Trost gereichen. Die große Masse der Menschheit ist es, die mitsamt ihrer Masse unnützer Bücher und Worte es nie in Zweifel zog und nie in Zweifel ziehen wird, dass der Mut etwas Herrliches, die Treue etwas Edles sei, dass man bedrängten Frauen beistehen und überwundene Feinde verschonen solle. Es gibt aber auch eine große Anzahl gebildeter Leute, die so alltägliche Grundsätze anzweifeln, wie es eine Anzahl Menschen gibt, die sich für den König von England halten; und ich höre, dass beide Arten von Leuten sehr unterhaltende Reden vorbringen können. Die Norm aber schöpft täglich aus ihren gewohnten überschwänglichen Schundromanen eine bessere und gesündere Moral, als sie in den glänzenden ethischen Paradoxen zu finden ist, die bei der vornehmen Welt so rasch wie ihre Moden wechseln. Solange die grobe und seichte Schicht der gewöhnlichen populären Romantik von einer armseligen Kultur unberührt bleibt, wird sie nie wirklich unmoralisch sein. Sie steht immer auf der Seite des Lebens. Die Armen, die in Wahrheit von der Last des Lebens gebeugten, sind oft kopflos, wild und grausam gewesen, aber niemals hoffnungslos. Letzteres war stets ein Vorrecht der Gebildeten, wie gute Zigarren. Die populäre Literatur mit ihrem „Donner und Blut“ wird stets einfach sein wie der Donner unter dem Himmel und das Blut des Menschen.